Was ist Osteogenesis imperfecta?

Osteogenesis imperfecta (OI, lat. für „unvollständig gebildeter Knochen") ist eine genetische Erkrankung des Bindegewebes. In ca. 85–90 % der Fälle liegen Mutationen in den Genen COL1A1 oder COL1A2 vor, die für Kollagen Typ I kodieren — den wichtigsten Baustoff der Knochengrundsubstanz. Das Ergebnis: Knochen, die zwar mineralisiert sind, aber durch die fehlerhafte Kollagenstruktur brüchig und bruchgefährdet sind.

Erbgang

OI wird meist autosomal-dominant vererbt — ein betroffenes Elternteil gibt die Mutation mit 50 %iger Wahrscheinlichkeit weiter. In ca. 25–30 % entstehen neue Mutationen (de novo). Seltene schwere Formen können auch rezessiv vererbt werden.

Typen der OI

Die OI wird nach Sillence in Typen I–IV eingeteilt (heute erweitert auf Typ I–XXI nach Gendefekt), wobei Typ I–IV die klinisch relevantesten sind:

Typ I (mild)Häufigste Form. Blaue Skleren, mäßig erhöhte Frakturrate, normaler bis leicht reduzierter Wuchs, normale Lebenserwartung
Typ II (perinatal letal)Schwerste Form. Intrauterin oder kurz nach Geburt lebensbedrohlich durch Ateminsuffizienz
Typ III (schwer progressiv)Ausgeprägte Knochendeformierungen, starker Kleinwuchs (Erwachsene oft 90–120 cm), Rollstuhlabhängigkeit häufig
Typ IV (moderat)Variable Ausprägung zwischen Typ I und III. Weiße oder bläuliche Skleren, mäßiger Kleinwuchs

Wachstum bei OI

Kleinwuchs ist bei mittelschweren und schweren OI-Formen ein Kernsymptom. Die Ursachen sind vielfältig: Knochendeformierungen, Kompressionsfrakturen der Wirbelsäule und die Erkrankung selbst hemmen das Längenwachstum. Für die Verlaufskontrolle sollten OI-spezifische Wachstumskurven verwendet werden, da normale Referenzwerte das Bild verzerren.

Weitere Merkmale

  • Blaue Skleren: Bläulich schimmernde Augenweiße (besonders Typ I und III) durch dünne Sklera
  • Dentinogenesis imperfecta: Zähne mit veränderter Struktur (grau-bräunlich, bruchgefährdet) — bei ca. 50 % der OI-Patienten
  • Hörverlust: Progrediente Schwerhörigkeit ab dem 2.–3. Lebensjahrzehnt (Otosklerose)
  • Gelenke: Überstreckbarkeit der Gelenke (Hypermobilität)
  • Wirbelsäule: Skoliose, Kyphose, Kompressionsfrakturen
⚠️ Fraktur ≠ Misshandlung

Kinder mit OI haben häufige Frakturen, oft durch minimale Traumata. Dies kann fälschlicherweise als Hinweis auf Misshandlung gewertet werden. Bei Verdacht auf OI sollte immer eine spezialisierte kinderradiologische und pädiatrisch-genetische Einschätzung erfolgen.

Therapie

Bisphosphonate

Bisphosphonate (v.a. Pamidronat i.v., Zoledronat i.v. oder Risedronat oral) sind die Standardtherapie bei mittelschwerem bis schwerem OI. Sie hemmen den Knochenabbau, erhöhen die Knochendichte und reduzieren die Frakturrate deutlich.

✅ Neue Therapieoptionen

Romosozumab und Denosumab werden bei OI erprobt. Setrusumab (ein Anti-Sklerostin-Antikörper) hat in klinischen Studien bei OI vielversprechende Ergebnisse gezeigt und könnte bald zugelassen werden.

Weitere Säulen der Behandlung

  • Physiotherapie: Muskelaufbau, Sturzprävention, Mobilität erhalten
  • Orthopädische Versorgung: Marknagelung langer Röhrenknochen (Teleskopnägel) bei schwerem OI
  • Schmerzmanagement: Chronische Knochenschmerzen behandeln
  • Hilfsmittel: Orthesen, Rollstuhl, Gehhilfen je nach Schweregrad
  • Psychosoziale Begleitung: Besonders wichtig für betroffene Kinder und Familien
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