Was ist Hypophosphatasie?
Hypophosphatasie (HPP) ist eine seltene, genetisch bedingte Stoffwechselerkrankung, die durch Mutationen im ALPL-Gen verursacht wird. Dieses Gen kodiert für das Enzym Gewebsnichtspezifische alkalische Phosphatase (TNSALP), das für die Mineralisation von Knochen und Zähnen unverzichtbar ist. Bei HPP ist dieses Enzym vermindert oder nicht funktionsfähig — die Folge sind weiche, schlecht mineralisierte Knochen und Zähne.
HPP kann autosomal-rezessiv (beide Elternteile tragen die Mutation, meist schwere Formen) oder autosomal-dominant (ein Elternteil betroffen, meist mildere Formen) vererbt werden. Schwere Formen können auch spontan auftreten.
Wie häufig ist HPP?
| Schwere Formen | Ca. 1 : 100.000 Geburten |
| Milde Formen | Ca. 1 : 6.000–7.000 |
| Betroffenes Enzym | Alkalische Phosphatase (AP/ALP) — im Labor erniedrigt |
Formen und Symptome
HPP tritt in verschiedenen Schweregraden auf — von lebensbedrohlich im Neugeborenenalter bis zu milden Formen im Erwachsenenalter:
- Perinatale Form (schwerste Form): Skelettdeformierungen bereits im Mutterleib, Ateminsuffizienz nach der Geburt, lebensbedrohlich
- Infantile Form: Manifestation in den ersten 6 Lebensmonaten: Trinkschwäche, Muskelschwäche, Rachitis-ähnliche Knochenveränderungen, Krampfanfälle (durch Pyridoxin-Mangel)
- Kindliche Form: Frühzeitiger Milchzahnverlust vor dem 5. Lebensjahr (ohne vorherige Karies!), Rachitis, Knochenschmerzen, Kleinwuchs
- Adulte Form: Stressfrakturen, Knochenschmerzen, früher Zahnverlust
Verliert ein Kind vor dem 5. Lebensjahr Milchzähne ohne erkennbare Ursache (kein Trauma, keine Karies), sollte unbedingt der Wert der alkalischen Phosphatase im Blut bestimmt werden — ein erniedrigter Wert ist ein starker Hinweis auf HPP.
Diagnose
- Labor: Erniedrigte alkalische Phosphatase (AP) im Blut — Referenzwerte altersabhängig beachten
- Substrate: Erhöhte Phosphoethanolamin (PEA) im Urin, erhöhtes Pyridoxal-5-Phosphat (PLP) im Blut
- Genetik: Mutationsnachweis im ALPL-Gen
- Bildgebung: Röntgen zeigt rachitische Knochenveränderungen, charakteristische „Zungen" nicht mineralisierten Knochens
Eine erniedrigte AP wird im Laborbefund oft als „harmloser Zufallsbefund" abgetan. Bei Kindern ist eine niedrige AP jedoch immer abklärungswürdig — insbesondere in Kombination mit Skelett- oder Zahnproblemen.
Therapie: Asfotase alfa (Strensiq®)
Seit 2015 steht mit Asfotase alfa (Strensiq®) eine Enzymersatztherapie zur Verfügung, die das fehlende Enzym ersetzt und die Knochenmineralisation normalisiert.
Bei perinatalem und infantilem HPP hat Asfotase alfa die Prognose dramatisch verbessert — zuvor häufig tödlich verlaufende Formen sind heute behandelbar. Die Therapie wird subkutan injiziert (3–6× pro Woche) und muss dauerhaft fortgeführt werden.
Bei milden Formen (kindliche, adulte HPP) wird die Therapieindikation individuell gestellt. Physiotherapie, Schmerzmanagement und Zahnpflege sind wichtige Begleitmaßnahmen.